Vorstellungsgespräche leiten: Ein gutes Gespräch für beide Seiten

Jeder hat vermutlich schon einmal an einem Vorstellungsgespräch teilgenommen. Wer die Gelegenheit hatte, auf der anderen Seite des Tisches zu sitzen, wird die folgenden Tipps zu schätzen wissen. Viele von uns werden von ihrem Chef ins kalte Wasser geworfen. Er kommt vorbei und möchte, dass man sich zusammen einen Kandidaten anschaut – vielleicht sogar ohne HR und ohne Chef. Natürlich reicht die Arbeitserfahrung, um ein fachliches Gespräch zu führen – so denkt man zumindest. Doch dann beginnt das Chaos. Aus meiner Erfahrung habe ich einige Tipps zusammengestellt, um dieses Chaos zu vermeiden. So gehen sowohl der Kandidat als auch du als Interviewer mit einem guten Gefühl aus dem Gespräch. Ich konzentriere mich auf das Fachgespräch, nicht auf das HR-Gespräch. Im Idealfall ist man unter sich, also unter Softwareentwicklern.

1. Der rote Faden: Halte ihn fest und kommuniziere ihn.

Überlege dir eine Agenda für das Gespräch, kommuniziere sie dem Kandidaten (am besten zu Beginn des Gesprächs) und halte dich daran. Ich war schon in Gesprächen, in denen ich direkt nach der Begrüßung mit Fragen bombardiert wurde. Viele dieser Fragen hätte man vermeiden können, wenn mir die Möglichkeit gegeben worden wäre, mich vorzustellen. Ein roter Faden könnte folgendermaßen aussehen:

  • Begrüßung, Klärung der Getränke, Smalltalk
  • Kommunikation des "roten Fadens", bzw. der Gesprächsagenda
  • Vorstellung des Unternehmens
  • Vorstellung der Interviewer
  • Klärung eventueller Fragen bis zu diesem Punkt
  • Vorstellung des Kandidaten
  • Gegenseitiges Kennenlernen durch Fachfragen
  • Klärung der Fragen des Kandidaten
  • Kurzes Feedback
  • Erklärung des weiteren Ablaufs im Bewerbungsprozess
  • Verabschiedung

Der Kandidat weiß, was auf ihn zukommt, was ihm etwas Nervosität nehmen kann. Der Interviewer kann sich auf das Beobachten und Fragen konzentrieren, ohne die Agenda improvisieren zu müssen.

Bereite dich auf das Gespräch und den Ablauf vor!
Gib dem Gesprächsführer (deinem Kollegen oder Chef) Feedback, falls er diesen Tipp nicht kennt.

2. Vor dir sitzt ein potenzieller Kollege

Wenn du als Interviewer dem Kandidaten gegenübersitzt, hast du für den Moment eine gewisse Machtposition. Du stellst die Fragen und leitest das Gespräch. Ich habe oft erlebt, dass ansonsten nette Kollegen sich plötzlich verändern und eine fiese Frage nach der anderen stellen, als wollten sie den Kandidaten fertig machen. Das Ziel des Gesprächs sollte nicht sein, die Schwächen des Kandidaten aufzuzeigen, sondern seine Stärken. Es geht darum, ob und wie der Kandidat dem Unternehmen im Team helfen kann. Wer möchte es sich schon gleich zu Beginn mit einem potenziellen neuen Kollegen verderben? In Zeiten des Entwicklermangels bewirbt sich das Unternehmen schließlich auch beim Kandidaten, da die Nachfrage so groß ist. Das sollte man während des Gesprächs im Hinterkopf behalten.

Gewinne einen neuen Kollegen, anstatt ihn zu zerstören!

3. Stelle keine Fragen, auf die du selbst keine Antwort weißt

In meinem vorherigen Artikel habe ich den Tipp gegeben, immer einen Block und Stift dabeizuhaben, um sich Fragen, die man nicht beantworten kann, erklären zu lassen. Leider habe ich als Kandidat oft verzweifelte Gesichter gesehen, wenn ich die Frage zurückgab, um etwas Neues zu lernen. Es wurde nervös in Unterlagen geblättert und schnell zur nächsten Frage gewechselt. Es ist leicht, Fragen aus dem Internet zu stellen. Aber man sollte auch die Antwort darauf kennen. Vor dem Kandidaten (und dem Chef) in so eine Situation zu geraten, macht keinen guten Eindruck.

Überlege dir deine Fragen vorher und beantworte sie für dich selbst!

4. Erzähle die Wahrheit und beschönige nichts

Man möchte den Kandidaten für das Unternehmen gewinnen, was manchmal dazu führt, dass man anfängt, Dinge zu beschönigen. Plötzlich ist das Unternehmen vollständig agil, es gibt freie Technologiewahl, und neue Projekte warten überall. Legacy-Systeme kennt man nur aus Lehrbüchern zum Refactoring. Ein gut vorbereiteter Kandidat durchschaut diese Lügen mit ein paar Gegenfragen. Das schafft schnell eine unangenehme Situation. Man sollte bei der Wahrheit bleiben und vielleicht sogar ein paar Probleme erwähnen, die man gemeinsam mit dem Kandidaten angehen möchte. Aber auch hier ist Vorsicht geboten: Zu viele negative Geschichten können abschreckend wirken.

Bleibe bei der Wahrheit und erzähle keine Märchen!

5. Zeige aufrichtiges Interesse und höre aktiv zu

Dieser Tipp erfordert etwas Selbstreflexion. Jeder möchte am liebsten von sich und seinen Erfahrungen erzählen. Das ist völlig in Ordnung. Ein Bewerbungsgespräch ist jedoch nicht der richtige Rahmen dafür. Der Kandidat sollte im Mittelpunkt stehen. Man hat nur begrenzt Zeit, um den potenziellen Kollegen einzuschätzen und zu bewerten. Ich musste mich und auch meine Kollegen schon öfter bremsen, wenn sie zu sehr in Ausführungen über Technologien und Erfahrungen abschweiften. Der Kandidat sollte das Wort haben. Stelle ihm Fragen zu seinen Arbeitsweisen, Technologien, Erfahrungen usw. und höre ihm zu. Mache dir Notizen, die du später für dein Feedback an die HR nutzen kannst. Schenke dem Kandidaten deine ungeteilte Aufmerksamkeit. Als Kandidat war ich in Gesprächen, in denen der Interviewer auf seinem Laptop oder Handy herumtippte. Ich hatte das Gefühl, mit mir selbst zu sprechen. Ein anderes Mal lehnte sich der Chef gelangweilt zurück. Das hinterlässt keinen guten Eindruck.

Du stehst nicht im Mittelpunkt des Gesprächs. Informiere dich über aktives Zuhören.

6. Achte auf das Mindset des Kandidaten

In Nachbesprechungen mit HR-Kollegen wurden oft Kandidaten aussortiert, weil sie nicht über die erforderliche Erfahrung im benötigten Tech-Stack verfügten. Das halte ich für falsch. Wenn ein Kandidat das richtige Mindset, also die richtige Einstellung, mitbringt, habe ich immer für ihn gestimmt. Technologien, Arbeitsweisen, agile Methoden usw. kann man ihm beibringen. Fehlen jedoch grundlegende Softskills, Motivation oder Teamfähigkeit, ist das viel schwerwiegender. Wenn ein Kandidat für ein Thema brennt und unbedingt lernen möchte, ist das die beste Voraussetzung für eine gute Zusammenarbeit. Meine Leitfrage in jedem Gespräch lautet immer: "Möchte ich diese Person in meinem Team haben?"

Technologien und Methoden lassen sich leichter erlernen als fehlende Softskills.

7. Gib konstruktives Feedback

Am Ende des Gesprächs gebe ich immer Feedback, wie sich der Kandidat geschlagen hat. Dabei geht es nicht darum, ob eine Anstellung erfolgen wird, sondern wie das Gespräch verlaufen ist. Ich gebe Tipps, wie man den Lebenslauf besser präsentiert, lobe Stärken und weise auf Schwächen hin. Man sollte dem Kandidaten jedoch keine Hoffnungen auf eine Anstellung machen oder diese sogar in Aussicht stellen. Als Fachkollege hat man nicht die Kompetenz, so etwas zu versprechen, und macht das Unternehmen damit angreifbar. Mein Feedback zielt darauf ab, dem Kandidaten bei der Weiterentwicklung seiner Fähigkeiten und seines Charakters zu helfen. Eine gute Einleitung könnte die Frage sein, wie der Kandidat selbst denkt, dass das Gespräch verlaufen ist. Daran kann man anknüpfen und konstruktives Feedback geben.

Hilf dem Kandidaten, sich weiterzuentwickeln.