So klappt fast jedes Vorstellungsgespräch

In den letzten Jahren konnte ich in weit über hundert Vorstellungsgesprächen reichlich Erfahrung sammeln, sei es als Kandidat oder als technischer Fachkollege. Diese Erfahrung habe ich in folgende Punkte gepackt, die jedes Gespräch erfolgreicher machen. Als Software-Entwickler beziehe ich mich dabei ausschließlich auf die IT-Branche. Die Tipps sind sicherlich auch in anderen Branchen hilfreich, das kann ich jedoch nicht näher bewerten.

1. Übung macht den Meister

Je häufiger man sich der Situation eines Bewerbungsgesprächs stellt, desto sicherer tritt man auf. Ich empfehle, das Gespräch mit Freunden oder der Familie zu üben. Falls niemand verfügbar ist, hilft es auch, sich auf Stellen zu bewerben, die man nicht unbedingt antreten möchte.

Regel: Geht zu jedem Bewerbungsgespräch, zu dem ihr eingeladen werdet!


2. Dein Lebenslauf ist eine Geschichte

Viele Kandidaten schaffen es nicht, ihren Lebenslauf geordnet, chronologisch und frei zu erzählen. Als Interviewer stellt man oft die gleichen Fragen, um eine Vergleichbarkeit der Kandidaten zu gewährleisten. Hier kann man leicht punkten, wenn man seine Meilensteine flüssig vortragen kann.

  • Beginne am besten mit deinem Schulabschluss.
  • Was war die Motivation für dein Studium oder deine Ausbildung?
  • Was waren die Schwerpunkte deines Studiums oder deiner Ausbildung?
  • Beschreibe dann deine bisherigen Jobs. Hierbei gilt es herauszustellen, was du selbst gemacht hast, nicht, was das Unternehmen getan hat: Welche wesentlichen Aufgaben hattest du, welche Technologien hast du eingesetzt? Was hast du gelernt?
  • Der nächste Punkt ist die Motivation für den Jobwechsel: Was hat dich beim letzten Arbeitgeber dazu bewegt, dich jetzt hier zu bewerben? Achtung: Rede nicht schlecht über deinen letzten Arbeitgeber, sondern formuliere Schwachstellen als Lernziele im neuen Unternehmen.
  • Zum Schluss solltest du den Bogen zur neuen Firma spannen: Was erhoffst du dir vom neuen Unternehmen?
  • Gut: Neue Technologie, agile Arbeitsweise, viele Teams, Mentoren, interessante Branche.
  • Schlecht: Gehalt, Aufstieg, weniger Arbeit.

3. Wer führt das Interview?

In der Terminbestätigung des Gesprächs stehen oft die Teilnehmer. Nutze diese Gelegenheit und recherchiere sie:

  • Ist jemand aus der HR/Personalabteilung dabei, solltest du dich auf klassische Bewerbungsfragen (Stärken/Schwächen, größte Erfolge, wo siehst du dich in fünf Jahren usw.) vorbereiten. Sei in der Lage, die Standard-HR-Fragen zu beantworten.
  • Wird ein Leiter oder Fachkollege dabei sein, solltest du deine Technologieliste durchgehen und sicherstellen, dass du auch tiefere Fragen dazu beantworten kannst. Fachsimpeln hilft. Oft will der Fachkollege dem Chef zeigen, was er weiß, und stellt keine Fragen.

4. Möchtest du etwas trinken? Ja

Lehne das Getränk niemals ab. Man glaubt gar nicht, wie oft die Stimme versagt. Wenn jetzt jemand los muss, um ein Getränk zu besorgen, stört das die Gesprächsdynamik. Ein Schluck Wasser gibt dir zudem die Möglichkeit, nachzudenken und/oder deine Nervosität zu überwinden. Regel: Nimm das Getränk immer an!


5. Du kannst die Frage nicht beantworten?

Das ist überhaupt kein Problem. Aber bitte fange nicht an zu faseln oder dir etwas auszudenken. Jeder erfahrene Kollege wird sofort deine Unsicherheit bemerken und dir möglicherweise eine Absage erteilen. Antworte ehrlich, dass du es nicht weißt, und gib die Frage zurück. Der Fachkollege wird die Antwort wahrscheinlich ausführlich erklären, und du kannst dabei etwas lernen.


6. Unbequeme Kleidung

Viel zu oft sitzen vor mir potenzielle Kollegen im Anzug. Sie schwitzen, fummeln am Kragen, und der Anzug sitzt entweder zu eng oder zu weit. Man merkt deutlich, dass sie sich unwohl fühlen. Es ist kein Problem, vorher nach dem Dresscode zu fragen. Die Webseite des Unternehmens zeigt oft, was kleidungstechnisch zu erwarten ist. Kleidung macht zwar Leute, zeigt aber auch, ob du dich wohlfühlst. Wenn du Anzüge nicht magst, sind Stoffhose und Poloshirt völlig in Ordnung. Achte nur darauf, ob du dich für eine Consulting Stelle oder eine Inhouse-Entwicklung bewirbst. Dein neue Arbeitgeber wird beurteilen, ob man dich einem Kunden zeigen kann. Ein gepflegtes Äußeres und saubere Kleidung reichen vollkommen aus. Es muss nicht immer ein Anzug sein.


7. Stift und Block

Nur einer von fünfzehn Kandidaten bringt etwas zum Schreiben mit. Das halte ich für grob fahrlässig. Wie bereits erwähnt, kannst du dir Fragen notieren, auf die du keine Antwort wusstest. Auch Notizen über unbekannte Technologien, Kunden, Goodies, Teamgröße oder Arbeitsweisen sind sinnvoll.

Aufgrund der Nervosität vergisst man oft viel nach dem Gespräch. Außerdem wirkst du interessierter und gut organisiert, wenn du dir ab und zu etwas notierst.


8. Haben Sie noch Fragen?

Kandidaten ohne Stift und Block haben meist nur ein oder zwei Fragen, der Rest fällt ihnen nicht mehr ein. Das ist fatal. Wenn du keine Fragen hast, zeigst du, dass du dich nicht mit dem Unternehmen beschäftigt hast. Das signalisiert:

  • Du bist unvorbereitet.
  • Du hast kein Interesse an der Arbeitsweise.
  • Du bist nicht an der Unternehmensstruktur interessiert.

Mein bestes Bewerbungsgespräch als Kandidat hatte ich, als das potenzielle neue Team mich in die Zange nehmen wollte. Ich saß allein im Kreis, umringt vom Team. Da ich aber meinen Block mit unendlich vielen Fragen hatte, konnte ich den Spieß umdrehen.

Folgende Punkte eignen sich gut als Fragen:

  • Teamgröße und Arbeitsweise?
  • Wie sieht ein Arbeitstag aus (von morgens bis abends)?
  • Wie wird Agilität gelebt?
  • Wie wird Qualität sichergestellt?
  • Wie läuft ein Feature von der Idee bis zum Live-Deployment ab?
  • Wie, wann und womit wird deployed?
  • Wie arbeiten die Teams zusammen, und wie läuft die Kommunikation?

Stellt euch euren optimalen Arbeitstag vor und stellt dazu Fragen.


9. Gesprächsetikette

Es klingt zwar selbstverständlich, wird aber oft vernachlässigt:

  • Pünktlichkeit
  • Aufrecht sitzen
  • Kein Zappeln
  • Augenkontakt halten
  • In vollständigen Sätzen sprechen
  • Ausreden lassen

Viele dieser Verhaltensweisen kann man mit Nervosität entschuldigen, und sie sind auch nachvollziehbar. Dennoch hinterlassen sie oft einen negativen Eindruck. Daran kann man jedoch arbeiten. Ich empfehle, ein kurzes Rollenspiel zu üben, es aufzuzeichnen oder sich von Dritten Feedback geben zu lassen.


10. Was motiviert dich?

Ich habe selten erlebt, dass unbedingt ein bestimmtes Skill-Set gesucht wird. Es geht meist um den Menschen dahinter und die Einstellung. Alles andere kann man dem neuen Kollegen beibringen. Niemand wird auf Dauer einen brillanten Entwickler behalten, der nicht im Team arbeiten kann, keine anderen Meinungen akzeptiert und allen das Leben schwer macht. Also, was treibt dich an? Was brauchst du zum Arbeiten? Was möchtest du lernen? Wie möchtest du dich weiterentwickeln? Beantworte diese Fragen für dich ...

Habt ihr Fragen oder Anregungen? Schreibt mir bei Twitter oder bei LinkedIn.
Tausend Dank fürs Lesen!

Kuba